Digitale Gesundheit in Deutschland: Strukturelle Krise, strukturelle Chance
20 Aug 2026
Einblicke in die Belastungen des deutschen Gesundheitssystems, den notwendigen Digitalisierungsschub und die M&A-Dynamik im Bereich Digitale Gesundheit
Zusammenfassung
Das Gesundheitssystem steht an einem strukturellen Wendepunkt. Die aktuellen Herausforderungen sind nicht nur vorübergehend, sondern erfordern grundlegende Veränderungen.
Die Rücklagen der gesetzlichen Krankenversicherung sind seit 2018 von 107 % auf 6 % gesunken. Die Krankenhäuser verzeichneten 2024 zusammen ein Defizit von 12,7 Mrd. Euro. Bis 2034 werden voraussichtlich 350.000 Pflegekräfte und 50.000 Ärztinnen und Ärzte fehlen. Die Gesundheitsausgaben sind seit 1970 von 6 % auf 12 % des BIP gestiegen, dennoch verschlechtert sich die Versorgung bei allen wichtigen patientenbezogenen Kennzahlen.
Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Mehr Geld allein wird das Problem nicht lösen. Digitalisierung ist der entscheidende Hebel. McKinsey schätzt, dass sich jährlich rund 42 Mrd. Euro einsparen ließen, durch die Automatisierung administrativer Prozesse, KI-gestützte klinische Entscheidungsunterstützung und die Vermeidung unnötiger Krankenhausaufenthalte.
Drei parallel laufende Reformen – die Reform der Medizinprodukteverordnung (MDR), der Digital Omnibus und der European Health Data Space (EHDS) – senken regulatorische Hürden und schaffen die Grundlage für eine europaweite Infrastruktur für Gesundheitsdaten. Dadurch eröffnet sich ein attraktives Zeitfenster für digitale Gesundheitsplattformen.
Auch das Interesse der Investoren nimmt zu. Transaktionen wie die Übernahme von Nexus AG durch TA Associates für 1,1 Mrd. Euro, der Einstieg von CVC bei CompuGroup und eine Sekundärtransaktion, bei der Doctolib mit 3,6 Mrd. Euro bewertet wurde, bestätigen das anhaltende Interesse von Private-Equity-Investoren und strategischen Käufern. Im Fokus stehen skalierbare, softwarebasierte Plattformen im Gesundheitswesen – sowohl in Europa als auch in Nordamerika.
Welche strukturellen Ineffizienzen lassen sich durch Digitalisierung gezielt beseitigen?
Digitalisierung verbessert nicht nur die Versorgung. Sie kann auch systematisch jene ineffizienten Prozesse und vermeidbaren Kosten reduzieren, die das Gesundheitssystem zunehmend finanziell belasten.
| Problem | Digitale Lösung | Potenzielle Vorteile |
|---|---|---|
| Überverordnung von Medikamenten und Behandlungen | KI-gestützte klinische Entscheidungsunterstützung, die Therapien an das individuelle Patientenprofil anpasst; ergebnisbasierte Vergütungsmodelle, bei denen die Bezahlung an messbare Behandlungsergebnisse geknüpft ist | KI-gestützte Entscheidungshilfen können Fehlentscheidungen bei der Antibiotikatherapie um mehr als 30 % reduzieren |
| Überschneidungen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung | Integrierte Versorgungsplattformen mit gemeinsam genutzten Patientenakten für den ambulanten und stationären Bereich; KI-gestützte Steuerung der Behandlungspfade, die Patientinnen und Patienten in die jeweils passende Versorgungseinrichtung leitet. | Deutschland gibt jährlich bis zu 7 Mrd. Euro für vermeidbare Krankenhauseinweisungen aus, doch rund 20 % aller Einweisungen könnten ambulant behandelt werden |
| Vermeidbare Krankenhausaufenthalte | Digitale Triage-Systeme, die Patientinnen und Patienten bereits vor der Aufnahme nach Dringlichkeit einordnen; Telemedizin und die Fernüberwachung von Patientinnen und Patienten ermöglichen die Versorgung nach einer akuten Behandlung sowie bei chronischen Erkrankungen zu Hause | Die Behandlung kann in kostengünstigere ambulante Versorgungsstrukturen verlagert werden, Krankenhausbetten werden für Patientinnen und Patienten frei, die tatsächlich stationär behandelt werden müssen |
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die Herausforderungen des Gesundheitssystems lassen sich nicht länger aufschieben: Demografischer Druck, das steigende Insolvenzrisiko der gesetzlichen Krankenversicherung und der zunehmende Fachkräftemangel machen die digitale Transformation zu einer systemischen Notwendigkeit und nicht zu einer optionalen Investition.
- Einsparpotenzial von 42 Mrd. Euro: Digitalisierung ist ein wichtiger Hebel, um die Entwicklung der Gesundheitskosten in Deutschland nachhaltig zu bremsen.
- Regulatorische Veränderungen beschleunigen die Entwicklung: Die MDR-Reform, der Digital Omnibus und der EHDS bauen regulatorische Hürden ab, die den Markteintritt bisher verlangsamt haben.
- Der M&A-Markt bleibt aktiv: Strategische Käufer und Private-Equity-Fonds suchen weiterhin nach skalierbaren Plattformen für digitale Gesundheitslösungen mit wiederkehrenden Umsätzen – in Europa und den USA.
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